AG-Schlossplatz

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Fragen zum "Humboldt-Forum"-
Wiederaufbau Berliner Schloss?

Realisierungswettbewerb mit Kostenlimit  -  zu Städtebau und Architektur

Nach Bestätigung des Siegerentwurfs für Prof. Francesco Stella sind außer der Feststellung, dass er der Ausschreibung entspricht, bisher noch keinerlei architektonische Kriterien bekannt geworden, die für Außenstehende die Entscheidung nachvollziehbar machen.
Ein noch immer nicht genau definierter Inhalt, allgemein „Humboldt-Forum“ betitelt, soll in eine barocke  Bauform gepresst werden; und das im 90zigsten Jahr nach der Gründung des „Bauhauses“ - der Geburt der Moderne in der Architektur - ein Salto mortale, allerdings rückwärts.
Soll mit dieser Umkehrung eines wesentlichen Bauhausgrundsatzes „Form follow function“ am prädestiniertesten Standort Deutschlands die Moderne  im Zentrum der bundesdeutschen Hauptstadt nun endgültig begraben werden?

Zur Erinnerung: Es wurde ein Realisierungswettbewerb mit Kostenlimit ausgeschrieben, kein Ideenentwurf.

Auf Grund welcher konkreten Vorgaben in der Ausschreibung zum Raumprogramm des „Humboldt-Forum“ ist der preisgekrönte Entwurf von Prof. Stella eigentlich entstanden? 

Hat Prof. Stella seinen Entwurf mit einem überprüfbaren Ablauf- und Kostenplan unterlegt, der das vorgegebene Kostenlimit untersetzt?
Nach Presseberichten muss Prof. Stella seinen Entwurf bekanntlich durch zwei Architekturbüros - Hilmer & Sattler und Albrecht sowie v. Gerkan, Marg & Partner - nachbessern lassen, um überhaupt das Kostenlimit des 16. Deutschen Bundestages einzuhalten.
Wieso hat er den ersten Preis im Wettbewerb erhalten, wenn er schon eine der wenigen bekannten Bedingungen nicht einhält?

War das in der internationalen Ausschreibung zum Realisierungswettbewerb mit Kostenlimit nicht abgefordert? Öffentlichen Medien ist nichts zu entnehmen.

Wo kann eingesehen werden oder ist  nachgewiesen, wie die historischen Geschoßhöhen des Berliner Schlosses mit neuen Funktionen u.a. eines Museum für die völkerkundlichen Sammlungen der SPK, von Veranstaltungsbereichen im „Humboldt-Forum“ u. ä. tatsächlich kompatibel sind?  War das aufgrund der Ausschreibung überhaupt möglich?

Allgemeine Flächenangaben und neue Funktionen (z.B. zusätzliche Aufnahme der Neuen Berliner Gemäldegalerie im Humboldt-Forum) werden z.Zt. nach Abschluss des Wettbewerbes öffentlich different diskutiert,  Das ist irritierend.

Wie wollen Auslober und Preisgericht1 des Internationalen Realisierungswettbewerb mit Kostenlimit  den „Stella-Entwurf“ anhand von Erfordernissen der späteren, offensichtlich noch immer unklaren  Nutzer, u.a. insbesondere zu Raumbedarf, Raumhöhen, Deckenlasten,  Bedingungen des Raumklimas und zum Brandschutz seriös geprüft haben?


Sind die vorgenannten sensiblen und kostenintensiven Kriterien beim Bau für museale Einrichtungen - soweit sie denn überhaupt bekannt waren - beim Siegerentwurf berücksichtigt worden? Waren sie den Auslobern und dem Preisgericht bekannt?
Waren Juroren zu den sehr spezifischen Fragen ausreichend kompetent?

Oder war das in der internationalen Ausschreibung zum Realisierungswettbewerb mit Kostenlimit nicht abgefordert? Öffentlichen Medien ist nichts zu entnehmen.

Die Vorgabe einer fünfjährigen Bauzeit dürfte für die Technologie zur Fassade  - bei einem Kostenlimit von 80 Mio. Euro - in typisch preußischer Tradition Mischbauweise - Ziegelputzbau sowohl mit Stuckelementen als auch Sandsteinelementen  - von entscheidender Bedeutung sein.
Welche Technologie schlägt Prof. Stella insbesondere für die Fassadenherstellung in historischer Form in einmalig kurzer Bauzeit eigentlich vor?
Liegt zur komplexen Thematik dieser historischen Fassaden eine solide Kalkulation vor?

Kann die von Bund und Ländern gewünschte  Wiederherstellung historischer Fassaden mit ihrem hohen Anteil an manueller Handwerksarbeit - zumal  bei einem Bauwerk dieser Größenordnung - im vorgegebenen Zeitraum bei vorgegebenen Kosten sowie zusätzlich in Erwartung auf das  ö f f e n t l i c h e  Spendenaufkommen über sog. „Fördervereine“ überhaupt realisiert werden? Wie vieler hochqualifizierter Stuckateure, Steinmetze und Steinbildhauer bedarf das avisierte Vorhaben?

Steht dem Bauherrn Bund und Länder und damit der Stadt eventuell eine kostenintensive „Zwischenlösung“, eine Vorhangfassade für die historischen Teilbereiche oder eine nackte Fassade in Putz vor Mauerwerk ohne Figurenschmuck über Jahre (oder Jahrzehnte?) und späterer Vollendung mit Sandsteinskulpturen ins Haus?

Auf welche Referenzobjekte bzw. Mitwirkung an internationaler Beispielen kann sich Prof. Stella entweder als Autor oder in der Bauleitung berufen, die wenigstens annähernd der ausgelobten Größenordnung in der Bauleitung und dem Anspruch in Architektur und Städtebau entsprechen?
Die geforderten Selbstauskünfte zum Umsatz und zu Mitarbeitern sagen nichts über die Qualifikation in dieser Richtung aus.
Was wurde zur Qualifikation des Architekten von den Auslobern und vom Preisgericht gefordert?

Was besagt der preisgekrönte Entwurf von Prof. Stella  zur Gründungsproblematik?
Der Baugrund im ehemals „Cöllnerwerder“ ist bekanntermaßen extrem kompliziert.
Kann von einem Realisierungswettbewerb mit Kostenlimit nicht auch erwartet werden, wie die etwa zeitgleichen Baumaßnahmen U-Bahn-Bau und Neubau Rathausbrücke im gleichen  Areal – wenigstens in ihrer höhenmäßigen Einordnung mit dem Schlossneubau im unterirdischen Raum koordiniert werden? Was ist in der Ausschreibung dazu ausgesagt?
Sind Sicherungsmaßnahmen für benachbarte historische Gebäude zu erwarten oder geplant? Wer trägt die Kosten für eine Risikovorsorge? Wie hoch sind sie?

Bekanntermaßen stehen umliegende Gebäude auf Pfahlgründungen, der Berliner Dom n.u.K. auf einer massiven Gründungsplatte. Experten hatten bereits vor Jahren darauf hingewiesen, dass Veränderungen im Grundwasserstand durch eventuell erforderliche Grundwasserabsenkungen für den Neubau zu katastrophalen Folgen im Umfeld führen können. Es sei daran erinnert, dass n. u. K. z.B. der alte Friedrichstadtpalast, ebenfalls eine Pfahlgründung auf vergleichbarem Baugrund am Schiffbauer Damm, durch die Grundwasserabsenkung beim Bau des Bettenhochhauses der Charite  in über 1000m Entfernung vor ca. 25 Jahren überraschend zum Einsturz kam. 

Wie wird der ruhende Verkehr bewältigt bzw.  nach Bauordnung auf eigenem Grundstück abgedeckt?

Wie wird technologisch die vorhandene, etwa 10 m tiefe Gründungswanne vom „Palast der Republik“ in die Gründung des  Bauwerkes „Humboldt-Forum“ einbezogen?
War das in der internationalen Ausschreibung zum Realisierungswettbewerb mit Kostenlimit überhaupt abgefordert? Öffentlichen Medien ist auch dazu nichts zu entnehmen.

Fazit der AG-Schlossplatz:  
Jeder Baupraktiker weiß, dass eine Vernachlässigung der o.g. Probleme bereits im Vorfeld zu drastischen Erhöhungen der Mittel  sowie zur Verlängerung der Bauzeit führen kann.
Bautechnisch ist vieles oder fast alles machbar und letztlich nur eine Frage der Kosten, d.h. in diesem Fall zu Lasten der Öffentlichen Hand in der Bundesrepublik Deutschland.

Fussnote

1. Fachpreisrichter:  Chipperfield, Grassi, Kahlfeldt, Kulka, Lampugnani, Merz, Weinmiller, Zlonicky
Sachpreisrichter:  Dirk Fischer, Thierse, Tiefensee, Bernd Neumann, Andre Schmitz, Regula Lüscher, Parzinger
Sachverständiger im Preisgericht: Wilhelm von Boddien  für den  „Förderverein Berliner Schloss e.V.“
Gast im Preisgericht: „Schlossarchitekt“  York Stuhlemmer („Schlossverein“ und sein Büro: Rupert Stuhlemmer)